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Auf dem Wasser zu singen

Bregenz. Seit ein paar Stunden schon ziehen sich die Wolken langsam, aber stetig, über der Seebühne zusammen. Man merkt an vorbeiziehenden Passanten deutlich, dass sich die Spannung bald entladen muss. Doch wie an jedem dieser Tage, in der sommerlichen Festspielstadt, tut sie das ohnehin jeden Abend, Punkt 21:15 Uhr. Das Publikum bis an die Nerven gespannt. Schließlich verbindet jeder Einzelne ganz besondere Erinnerungen mit dieser phänomenalen Musik und fragt sich nun, das Regencape unterm Sitz verstauend, ob auch diese Produktion den Anforderungen gerecht werden kann.

Der erste Streichereinsatz, ein kräftiges c-Moll, gespielt von den Wiener
Symphonikern. Für MusikliebhaberInnen die entrückendste aller Tonarten. So far, so good. Als dann aber auch noch der gefeierte Tenor Lukasz Zaleski einsetzt, atmet die Chorakademie erleichtert auf. Das würde ein gelungener Abend werden. Da war es auch zu verzeihen, dass sie heute Abend kein Konzert würden singen dürfen.
In den nächsten Stunden durchleben unsere SängerInnen eine Vielfalt an
Emotionen. Alles ist dabei. Als dann in der Schlussszene das musikalische
Schluchzen der Madame Butterfly zu hören ist, können Jonathan und Georg nicht mehr an sich halten. Ein Beben geht durch die ZuhörerInnen, schwingt über das Wasser hinweg und verklingt in sachten Wellen im schwarzen See.

Nach der Vorstellung erwischen wir glücklicherweise Thalia, eine unserer engagiertesten ChorsängerInnen. Wir konnten sie zu einem kurzen Statement bewegen.

Wir: „Thalia, wie hat dir der Abend gefallen?“
Thalia: (Sprachlos.)
Wir: „Na gut, das sagt ja eigentlich schon alles.
Und wie ist deine Meinung zum Bühnenbild?“
Thalia: „Ähm… Ich finde es sah ein bisschen aus wie eine große
Lasagne.“
Wir: „Und wie hat dir denn die Musik gefallen, liebe Thalia?“
Thalia: „Nun ja… (Denkt kurz nach.) Wesentlich für das Werk ist ja der Gegensatz zwischen dem westlichen und dem fernöstlichen Lebensstil, den Puccini von Anfang an auch musikalisch ausdrückt. Die Oper beginnt mit einer Fuge, in der Puccini ein exotisches musikalisches Thema auf typisch westliche Weise verarbeitet. Und später erklingt sogar „The Star Spangled Banner“, ein Stück, dass die Vereinigten Staaten von Amerika ab 1931 ihre Nationalhymne nennen dürfen. Was viele nicht wissen: Bei der Urauführung am 17. Februar 1904, hatte die Melodie diesen Status noch nicht inne. (An dieser Stelle kichert Thalia vergnügt.) Puccini bemühte sich meines Wissens intensiv, eine glaubhafte „japanische Färbung“ zu erreichen. So erkannte ich mannigfaltige östliche Volksweisen und auch die japanischen Nationalhymne „Kimi Ga Yo“ glaube ich herausgehört zu haben. Besonders beeindruckt hat mich Puccinis Einsatz von ungewöhnlichen Klangfarben, die er mit Instrumenten wie Tamtam, japanischer Schellentrommeln oder Röhrenglocken erzielt. Ich meine sogar ein japanisches Klaviaturglockenspiel herausgehört zu haben. Da würde ich nach einmaligem Hören aber nicht meine Hand für ins Feuer legen. Auch verwendet er Pentatonische und Bass Ostinati, leere Quinten,
Ganztonfolgen und übermäßige Dreiklänge, sodass der Klang eine gewisse Prise Exotik erhält. Darauf muss man erst mal kommen.
(Thalia blickt verzaubert in die Ferne, fängt sich aber glücklicherweise schnell wieder.) Zu der Besetzung kann ich nur sagen: großes Kompliment an die Sopranistin Elena Guseva. Da habe ich auch schon Einige in der Titelpartie gehört, die für das Finale im dritten Akt etwas zu schwach auf der Brust waren.“

Soweit Thalias Einschätzung. Die beiden Autorinnen danken ihr herzlich und hoffen darauf in Zukunft noch Großes von ihr hören zu dürfen.

Ein ereignisreicher Tag neigt sich dem Ende entgegen. Im Bus summt der Chor in friedvollem Einvernehmen noch einmal den Summchor aus dem 2. Aufzug.

„Puccini bleibt einem einfach im Kopf kleben.“

Alexander v. E.