Alle Beiträge von Felicia

Vom Präsens ins Präteritum

Ein High-Concept-Text für alle, denen das bisher zu kurz kam

Es war der Morgen nach dem letzten Abend.

Wir sind wiedergeborene Kuckucks und fliegen schon früh durch das Haus. Doch der Nachteil an so einem Morgen nach dem letzten Abend ist, dass er der letzte Morgen ist. So gibt es keine neuen Noten für den nächsten Morgen, keine Kurzprobe mit spontaner Sopran-Alt-Einteilung, die am nächsten Tag noch schnell geändert werden wird. Denn es gibt keinen nächsten Tag.
Wir sind hier Kuckucks in einem fremden Nest.
Und so flattern wir in unsere Zimmer, überfüllen dort unsere Koffer und beim Frühstück unsere Mägen (brotupisch gut). Und der arme Bus muss all diese Überfüllungen futtern.

Der Autor steigt in den Bus. Irgendwo sitzt er, starrt autorenkonform aus dem Fenster. Regentropfen fließen vor der fontanischen Landschaft durch sein Blickfeld.
Er beschließt, die Zeitform zu ändern. Meint, all das sei doch jetzt Geschichte. Aber die Regentropfen fließen weiterhin durch sein Blickfeld. Alles ist zu präsent, zu frisch, zu gegenwärtig. Zu verlockend, doch noch ein wenig mit allen zu verweilen.

Er schließt die Augen und versucht, Kraft zu sammeln. Kraft für das letzte Konzert. Sein Kopf lehnt am Fenster, durch welches seine Gedanken weit hinaus in die Landschaft fliegen. Fliegen zurück nach Bad Segeberg.
Hell wird es auf den Lidern des Zurücksinnenden. Strahlend blickt die Sonne durch die Wolken hindurch in den Bus hinein. Durch seine geschlossenen Augen hindurch in die Seele hinein. Die Gedanken des Autors erleuchten. Erinnerungen an seelenerfülltes Singen, tiefe Gespräche, interessante Menschen. Wildes Tanzen. Glückliches Publikum. Spaß. Lachen. Ja, kindliches, albernes Lachen. Ein Gefühl von Freiheit und Geborgenheit.

Nach einer ruhigen Fahrt kommt der Chor in Erfurt an. Der gesamte Businhalt bewegt sich mühsam in Richtung Thomaskirche. Eine Wegstrecke, bei der sich der Autor nicht entscheiden kann, mit welchem Adjektiv er dessen Länge beschreiben will. Schaffbar, das zeigt dann die Realität. Auf dem Weg schaut er sich um, blickt die Schillerstraße hinab in Richtung Bahnhof. Ein bekanntes und befremdliches Terrain. Er hält inne. Dann schweift sein Blick zurück zum Chor, der letzttagesaufgeregt-busfahrmüde zum Einsingen geht.

Um die geölten Stimmen weiter zu fetten gibt es für alle Pizza, die der Chor im Pfarrgarten der Thomasgemeinde gemeinschaftlich verspeist. Nicht gefettet werden soll jedoch die Chorkleidung, die nach dem Essen schnell angezogen wird. Wenig später hat der Chor eine meisterhaft schnelle Stellprobe absolviert, so wie an jedem Konzerttag der Tournee. Schelmisch lächelnd denkt der Autor über diesen Satz nach.

Zweck der bereits bekleideten Stellprobe war das darauf folgende Blockieren sämtlicher Rasen- und angrenzenden Schotterflächen im Thomaspark. Radfahrende wurden kreativ. Der Chor versucht, sich deren Manöver als Anlass für ein freundliches Kameralächeln zu nehmen. Nach dem Fotoshooting bleibt noch ein wenig Zeit, sich alle Noten zu pflücken und in die Kirche zu begeben.

Und schon erklingt das erste Lied unseres letzten Konzerts. Wir suchen in jedem Lied die Gefühle, die wir auf dieser Tournee beim Singen erleben konnten. Die Freude, stimmlich mal so richtig auszurasten. Alles geben. Unsere Emotionen strömen in die Kirche und nehmen sie mit in unsere chorische Welt. Die Welt, die für zwei Wochen unser Leben war.

Das Publikum war zwar deutlich elter, als der Chor es in den letzten Wochen erlebt hatte. Dennoch oder besonders groß war die Freude über deren Kommen und überschwänglichen Applaus.

Den Mond summend verließ der Chor die Kirche. Der Autor steht im Publikum und summt leise die Altstimme mit. Keiner hörte ihn. Zu laut jubelte das Publikum, oder vielleicht ist er auch einfach nicht so präsent wie er dachte. Er sieht, wie der Chor über den Rasen zum Pfarrgarten lief. Mit Abstand läuft er ihnen hinterher. Einige Sänger umarmten sich, weinend vom trauernden Glück einer so erfolgreich abgeschlossenen Tournee. Im Saal zogen sich die Sänger hektisch und ineffizient um. Das gelungene Konzert und der nahende Abschied mischten sich immer wieder in ihre Gedanken.

Der nächste Gedanke galt dem Danke. Im Kreise vereint bejubelte die gesamte Gruppe alle die, die diese zwei Wochen getragen haben. Die, die teils schon seit Jahren Konzerte vorplanten. Die, die alles außer die Konzerte vorplanten. Die, die dirigierte und auch sonst irgendwie immer alles machen muss, da sie sich noch immer keine wechselnde Ganzkörperverkleidung für ungestörte Freizeit besorgt hat. Dem Dance Captain. Den Musikern und Möchtegern-Kabarettisten. Dem Schatzmeister. Dem MEIN-SCHATZ-Meister für einen üblichen Jugendlichen. Der Chor bedankte sich vor allen bei allen und vor allem auch bei denen, die einfach immer gemacht haben, was nötig war. Die Kümmerer und die medizinisch oder pädagogisch Bewanderten. Die Organisierenden, die Dokumentierenden, die Kleinbusfahrer…

Der Autor beobachtet den herzlichen Kreis von einem der Tische im Pfarrgarten, mit einem Stück überflüssiger, aber leider schon etwas harter Pizza in der Hand. Er begutachtet intensiv das Essen in seiner Hand, ihm ängstigt, er könne wieder ins Präsens rutschen.

Er sieht, wie sich das WIR auflöste. Beschämt beobachtet er einige sehr emotionale Verabschiedungszeremonien und nimmt sich schnell noch ein Stück Pizza. Irgendwann sitzt der Autor alleine im Pfarrgarten und schaut den vergangenen zwei Wochen zu.

So ein Präsens war schon nicht verkehrt. Erschöpft schläft er unter dem Birnenbaum ein und träumt vom Futur.

Vom palindromischen Knochenkauer

Suche nach Ruhe, aber durch das Gleichgewicht, nicht durch den Stillstand deiner Tätigkeit. – Friedrich über Ruhe

Es war ein Geier, der hackte in meine Füße. Stiefel und Strümpfe hatte er schon aufgerissen, nun hackte er schon in die Füße selbst. – Franz über ossivore Lebewesen

O Täler weit, o Höhen, o schöner, grüner Wald, du meiner Lust und Wehen andächt’ger Aufenthalt!

Ausgesprochen andächtig hält sich nun schon seit über hundert Jahren ein palindromischer Knochenkauer im Sachsenwald auf. Dort hat er 1898 in idyllischer Natur seinem etymologischen Naturell trotzend in das dort üppige Gras statt ins Mark gebissen. Übrig geblieben sind vermutlich Knochen. Nachgeschaut hat wohl keiner, auch wir durften nicht. Unsere Vermutung: Skelett mit Schnurrbart.

Auf Friedrich Schiller jedoch wollte Otto von Bismarck nicht hören, denn in Friedrichsruh ruht Otto durch (Lungen-)Stillstand. Zu Lebzeiten war dies wohl anders, wie uns die dortige Gedenkstätte zum ersten Reichskanzler eindrücklich zeigte. Neben seinem Mausoleum konnte man dort von historischen Karten bis zu alten Briefen (die Schrift!) all das sehen, was die Autorin dieses Textes eben so interessiert. Am Rande soll der freundliche Vortragende auch politische und gesellschaftliche Hintergründe beleuchtet haben…

Und den fröhlichen Chor, der auf den Ästen sich wiegt – Schiller über die Wanderung der Chorakademie Erfurt von Friedrichsruh nach Aumühle

Nach diesem Spaziergang holten wir unsere Chorkleidung aus dem in Aumühle apparierten fahrenden Ritter und bereiteten uns im dortigen Augustinum auf unser Konzert vor.

Drum lad ich all mein Lebetage nie alte Männer / Weibsen auf mein Wage – wir in einer Seniorenresidenz zu den dortigen – …

Doch das schien niemand persönlich zu nehmen, denn alle dort Residierenden waren sichtlich begeistert von unserem Programm. Es wurde fröhlich mitgesungen, unseren Geburtstagskindern herzlich gratuliert und alle wirkten sehr berührt von unserem Konzert.

Je weniger die Leute davon wissen, wie Würste und Gesetze gemacht werden, desto besser schlafen sie. – Vielleicht Otto von Bismarck

Na dann hören wir mal auf, über Vegetarismus und Politik nachzudenken und machen die Kammer zu.

Draußen vor dem Bus

Ein Artikel, den kein Blogger veröffentlichen und kein Leser lesen will

Ein Chor kommt nach Hamburg. Er war lange dort, der Chor. Einen Tag. War das lange? Vielleicht zu lange? Eher nicht. Vielleicht genau richtig. Aber abends kam er ganz anders wieder nach Bad Segeberg, als er wegging.

Ein Chor kommt nach Hamburg. Und dort kämpft er sich Stufe für Stufe auf einen Bunker. Einen alten Bunker. Ein grauer Haufen aus dickem Beton. Ein grauer Haufen aus schwerem Schicksal. Aber nachdem sich der Chor die Stufen hochgekämpft hat, wird er von Grün erwartet. Friedliches, freundliches Grün. Ein Grün des schönen, langen Friedens. Ein Grün des zerbrechlichen Friedens.

Der Chor blickt hinab auf die Stadt.

Regenwolken brauen sich dunkel am Himmel zusammen. Und der Chor verlässt den grauen grünen Bunker.

In Teile zerlegt verteilt sich der Chor in den Straßen der Stadt.

Elbphilharmonie und Hafen City

Ein Teil geht zum Hafen. Die Elbe schwappt gegen die Pontons. Keilförmig ragt ein großes Gebäude in die Wellen. Äußerlich ist es ein ferner Verwandter des Flusses selbst, mit seinem wellenförmigen Dach und dem spiegelndem Glas. In dem Gebilde rollt der Chorteil auf endlos langen Stufen weiter hinauf in das Glas. Und von hier sieht er die alte, schwappende Elbe. Die alten, wankenden Schiffe.

Das gläsernde Gebilde spuckt den Chorteil über die rollenden Stufen wieder zurück auf das Elbufer. Von dort läuft er zwischen modernen Gebilden und dem alten Wasser der Elbe entlang. Hafen-City. Teile des Chorteils haben Hunger. Ein stummer nasser Fisch im Brötchen. So richtig dick und glitschig. Scheint zu schmecken.

Man hört den Wind und das Wasser. Eintöniges Klatschen kleiner Wellen.

Auswanderermuseum

Ein Teil geht nach BallinStadt. Zeitzeuge.

Dort erfährt er das Leben eines Auswanderers. Ein Mann geht aus Deutschland. Ein Mann kommt nach Deutschland. Verschiedenste Schicksale.

Der Chorteil erlebt diese Schicksale. Schicksale von Menschen. Menschen, die nach Deutschland kommen. Aus Deutschland gehen. Menschen von denen, die fliehen und suchen. Einige kommen in der Ferne zuhause an. Andere wollen wieder zurück. Wollen Zurück nach Hause kommen und kommen dann doch nicht nach Hause, weil für sie kein Zuhause mehr da ist.

Udo Lindenberg – Panik City

Ein Teil geht zur Reeperbahn. Multimedia-Museum.

Und da erlebt er einen ganz tollen Film. Er muss sich während der Vorstellung mehrmals in den Arm kneifen, denn er weiß nicht, ob er wacht oder träumt. Aber dann sieht er, dass es rechts und links neben ihm noch mehr Bildschirme gibt, die alle dasselbe zeigen. Lautstark schallt Udo Lindenbergs Stimme durch den Raum. Die Grenzen zwischen Realität und KI-Generierung scheinen zu verschwimmen. Aber er erfährt, dass es dann doch wohl die Wahrheit sein muss. Digital verarbeitete Wahrheit. Lautstarke Musik. Moderne Museumspädagogik.

Ja, als der Chorteil am Schluss mit tauben Ohren und müden Augen wieder auf der Reeperbahn steht, merkt er, dass es alles andere als ein alltägliches Museum war. Nein, kein alltägliches Museum. Von einem Mann, der aus Deutschland nach Deutschland wollte.

Hamburger Kunsthalle

Ein Teil geht gen Hauptbahnhof. Daneben die Kunsthalle.

Dort starrt er auf Gemählde, Skulpturen und andere Kunst. Vom 17. Jahrhundert bis zur Moderne ist alles dabei. Auf zwei Gebäude aufgeteilt und viele Etagen. Es reicht nur für einen kurzen Blick auf jedes Kunstwerk, wenn er gerne alles anschauhen möchte. Nicht jeder bemerkt da auch das letzte Gemälde, einsam in einer Ecke hängend. Eine Schnecke? Oder findet die Zeit beim Verzehr seines Lunchpakets die Möwen zu beobachten.

Eine Kunsthalle. Wahrlich. Kunst gibt es hier viel zu sehen. Und mit etwas Fotografiegeschick lässt sich hier sogar neue Kunst erschaffen.

Michael Jackson – Musical

An den Landungsbrücken weht der Wind. Die alte Elbe quasselt. Und ein Chor überquert das Wasser. Auf der anderen Seite wartet ein weiterer Sänger mit Hut und lautstarker Bühnenshow. Knallend schallt das Wummern der Musik in die Köpfe der Menschen. Helles flackerndes Licht, präzise Choreographien. Und für einen müden Geist wird das Gesicht unter dem glitzernden Hut zu dem Anderen. Hut mit Stern. Und der müde Geist wird den Anderen nicht mehr los. Udo Jakobssohn. Michael Limehill.

Der Chor verlässt Hamburg. Der Wind weht weiter. Die Elbe quasselt weiter.

Von fehlender Statistik und der Suche nach Fibonacci

Duftendes Brot lockte uns am heutigen Morgen zurück in die Stadt, die wir erst am Vorabend verlassen hatten. Lübecks beste Bäckerei erwartete uns auf dem Brink, dem heimischen Marktplatz der „Brotupie“. Hier sollten wir zwischen Zucchini, guten Fegern, feinen Bürsten, Johannisbeeren und genanntem Brot ein Kurzkonzert geben. Zweck des Ganzen war natürlich Werbung. Unsere These war, unser übliches Konzertpublikum wiche stochastisch gesehen nicht signifikant von der üblichen Wochenmarktzielgruppe ab.

Diese Vermutung würden wir erst am abendlichen Konzert weiter untersuchen können. Spaß hatten wir allerdings daran, im regen Markttreiben so nah am freundlichen Publikum zu musizieren. Vor allem aber lohnte sich unser Singen, da uns die Brotupie dafür mit blecheweise Zimtschnecken verwöhnte. Ofenfrisch und mit einer Scheibe Eis gefüllt verführten uns die süßen Kringel (also, Spiralen?) gänzlich in die Brotupie. Ein Narr, wer danach nicht ganze Brotlaibe aus dem zum Marktstand umgebauten Pferdewagen in seinen Tagesrucksack stopfte.

Magen und Rucksack nun etwas gefüllter, machten wir uns auf den Weg zur Marienkirche. Einige bodenständige Chormenschen ließen sich durch das Kirchenschiff führen und lernten eben so das Übliche zu einer Kirche, die in der Vergangenheit erbaut wurde.

Die Mauersegler und Turmfalken unseres Chores jedoch ließen sich nicht davon abhalten, die Türme und Gewölbe der mittelalterlichen Backsteinkirche zu erkunden: Glocken, Steine, Gewölbe und die Aussicht über eine rote Stadt. Das Schöne daran: Die Statik von Gewölben ergibt weitaus regelmäßigere Muster als Gebäck.

Danach mussten wir schnell die hunderten Stufen hinunter trappeln, denn unten wartete die Stellprobe. Und Stellproben gehören bekanntlich zu einer ungeduldigen Spezies. Zum Glück war das heutige Indiviuum allerdings nicht so tempivor (lat.: zeitfressend).

Kurze Pause, Umziehen – und schon sangen wir das nächste Konzert. Die Kirche war gut gefüllt mit gerührten potenziellen Wochenmarktkunden. Doch sehr zum Leid der anwesenden Statistikfanatiker wurde unsere morgendliche Vermutung aber nicht weiter analysiert. Wie groß die Schnittmenge der beiden Mengen „Wochenmarktkunden“ und „Kinderchorkonzertbesucher“ nun also wirklich ist, bleibt uns verborgen hinter nicht-fibonaccischen Zimtschnecken…

Kiel

Oder: Warum wir lieber in der Kirche singen, als im Aquarium zu schwimmen.

Nach zwei Tagen des Stillstands durften unsere beräderten Gefährte(n) nun auch ihren Stellplatz verlassen. Denn mit luftlinearer Entfernung von 43,2 km zu unserem Schlafplatz sangen wir das Eröffnungskonzert unserer Tournee . Dort angekommen schnupperten wir – natürlich rein aus Stimmpflegegründen – zunächst ein bisschen salzige Meeresluft. Wir wanderten an der Kieler Förde vorbei an Wassergefährten unterschiedlichster Bau- und Benennungsgeschmäcker: Gudrun die Dritte und Baldur der Elfte waren unsere Favoriten.

Am Ende des Hafenbereichs erwartete uns das Geomar-Schauaquarium des Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung. Wie es in der Forschung und Tierschau so üblich ist, waren die Lebensräume der dortigen Wasserlebewesen sehr naturnah eingerichtet: Plastikpflanzen, wenig Platz und glotzende Menschen. Und wie es sich für unsere Tierart gehört, glotzten wir mit zahnspangengrinsendem Übermut auf Seesterne und Halfterfische in viel zu kleinen Becken. Dennoch freuten wir uns beim Mittag darüber, dass wir uns kein Fischbrötchen im Aquarium zusammenfischern mussten. Denn wir hatten morgens für Brezeln in unserem Lunchpaket gesorgt.

Nach Fischen und Brezeln verließen wir das Ufer und liefen zu unserem nachmittäglichen Konzertort: die Kirche St. Nicolai in der Kieler Altstadt. Letztere durften wir in kleinen Gruppen selber entdecken. Viel zu sehen gab es dort hoffentlich nicht, denn unsere Aufmerksamkeit fror auf kalten Mangostücken aus dem lokalen Supermarkt fest.

Mit dieser guten Stärkung waren wir bereit für eine lange Stellprobe und ein kurzes Konzert. Dieses war Teil einer Konzertreihe aus 30-minütigen Kulturgenüssen. Das Publikum – die Tierart Mensch beobachtet auch gerne eigene Artgenossen – schien hocherfreut und wir selber waren zufrieden mit einem gelungenen Tourneeauftakt.

Zurück in der Jugendakademie Bad Segeberg gab es warmes Essen – zum Glück kein Fischgericht – und eine kurze abendliche Probe. Je nach Alter und Müdigkeitsstand war der Abend auch noch lang genug für verschieden anstrengende Gesellschaftsaktivitäten…

Putzen, putzen und ein bisschen singen

Morgens weckten uns neben den üblichen müden Schallwellen überraschenderweise auch muntere Wellen – Licht, Sonnenlicht. Denn nach der kurzen, oder für einige auch sehr kurzen, Nacht wurde uns ein etwas späteres Aufstehen gegönnt. Allgemein war der Tagesablauf ungewohnt ruhig. Zunächst musste der Saal von den Spätfolgen der nächtlichen Feierlichkeiten erlöst werden. Leider wurde auch das Kunstwerk vom zentrischen Müllberg Opfer der Aufräumarbeiten.

Als alles wieder blitzte und funkelte probten wir, damit auch die schiefen Töne dem Putzeifer erlagen. Zur Erleichterung Frau Fischers liefen die Stimmen dank intensivem Einsingen erstaunlich gut. Und das, obwohl einige Singende ihre Stimmen zur nächtlichen Feier nicht unbedingt schonend verwendet hatten.
Auf die Probe folgte, wer hätte es gedacht, eine ganze Stunde lang Erholungszeit. Vielleicht waren unsere Gesichter doch nicht ganz munter… Je nach eingeteilten Diensten und sonstiger Aufgaben wich die Pause allerdings dem Abwasch, dem Chortagebuch und was sonst noch alles zu tun war.

Frisch erholt ging es ZU FUß los, nach Pankow war unser Ziel. Eine volle halbe Stunde haben wir nach der alten Pfarrkirche gespürt, aber im Gegensatz zu Bolle natürlich bestens orientiert dank philippischer Herdenhütkünste. Leider war die Kirche kalt und die Bühne eng, dafür gab es warme Vorräume in denen wir unser Lunchpaket entspannt genießen konnten.


Bis zum Konzert leisteten die Heizungen jedoch gründlich ihren Dienst. Ähnlich warm wie die Heizungen waren die Herzen des Publikums, die das Konzert größtenteils sehr begeistert aufnahmen.
Der Sektempfang fiel für den Chor ‚unerwartet‘ wenig alkoholisch aus, dafür begrüßten uns bekannte Gesichter: Eine ehemalige Chorsängerin bejubelte ihre lebendigen Kindheitserinnerungen, aber nicht nur das. Eine bekannte Politikerin hat unsere Orangensaftgläser ausgewaschen…

Den Rückweg durften wir trotz wanderlustigen Philippis mit technischer Unterstützung in Form von Straßenbahn und Bus antreten. Nach wie üblich schmackhaftem Abendbrot wurde noch ein wenig getanzt und schon geht der erste Tag des Jahres dem Ende entgegen.

Kommt singt und klingt, kommt pfeift und bombt – Chor gegen Böllerlärm


Sonne leuchte mir ins Herz hinein, Wind verweh‘ mir Sorgen und Beschwerden… Sonderlich sonnig war es heute nicht, auch der Wind blies nur mit winterlich moderater Kraft. Stattdessen tanzten zahlreiche glitzernde Sterne um uns herum. Um uns diesen besorgniserregenden Berliner Geschossen nicht übermäßig auszusetzen, verbrachten wir den Vormittag sicher verwahrt im Probenraum. Frau Fischer forderte uns mit musikpädagogischen Intervallübungen heraus, damit sich der Sopran im Konzert zumindest ein bisschen von fiependen Silvesterböllern unterscheiden ließe.

Kurz sollten wir noch den Zustand des Tanzbodens mit fliegenden Füßen begutachten, damit abends möglichst wenig verletzte Füße entstehen würden. Ein paar fleißige Hände schmückten den Saal glitzernd festlich und schon ging es auf in Richtung letztes Konzert des Jahres 2023.
Nach einigen Stationen S-Bahn fuhren wir mit der Straßenbahn in die Freiheit aka Stadtkirche Köpenick. In dem heiligen Gewölbe angekommen stellten wir fest, dass sich meterhohe Weihnachtsbäume trotz chronischem Tenormangel nur unzureichend als Unterstützung der letzten Reihe eignen. Wir entschieden uns stattdessen für die Orgel, die die Männerstimmen nach kurzem Umbau liebevoll in ihre Mitte nahmen.

Dank Gottesdienst wurden wir nach sehr experimenteller Stellprobe tatsächlich in die Freiheit entlassen- eine Stunde Auslauf für die Horde Singender. Viel frische Luft gab es allerdings für die wenigsten von uns. Der Regen und die nahende Dunkelheit drängten den Chor in die wenigen geöffneten Cafés und Restaurants der Stadt und ließen die Bedienungen unerwartete Jahresendzeitgeschäfte machen.

Auch wenn uns aufgrund unserer engelsgleichen Position nur etwa die Hälfte des Publikums tatsächlich sehen konnte, waren die Besuchenden recht angetan von den zwei „evangelischen“ Chören Skola Cantorum Weimar und Chorakademie Erfurt. Aber der lauteste Jubel kam von unseren zahlreichen Zuhörenden außerhalb der Kirche: Ständig pfiffen, jubelten sie, obwohl sie wohl noch weniger sehen konnten als die Lauschenden der unteren Reihen. Konnten sie überhaupt etwas hören? Streng genommen war der Lärm unserer Fans in ganz Berlin gar etwas unverschämt. Aber so sehr wie heute wurden wir noch nie angefeuert. Und so hat es uns doch die Herzen erwärmt. Schade nur, dass die Kirche wohl nicht nur zu klein für den Chor, sondern auch noch viel zu klein für unser begeistertes Publikum war…

Was sonst noch so passiert ist: Die zwei Hornochsen