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Vom Präsens ins Präteritum

Ein High-Concept-Text für alle, denen das bisher zu kurz kam

Es war der Morgen nach dem letzten Abend.

Wir sind wiedergeborene Kuckucks und fliegen schon früh durch das Haus. Doch der Nachteil an so einem Morgen nach dem letzten Abend ist, dass er der letzte Morgen ist. So gibt es keine neuen Noten für den nächsten Morgen, keine Kurzprobe mit spontaner Sopran-Alt-Einteilung, die am nächsten Tag noch schnell geändert werden wird. Denn es gibt keinen nächsten Tag.
Wir sind hier Kuckucks in einem fremden Nest.
Und so flattern wir in unsere Zimmer, überfüllen dort unsere Koffer und beim Frühstück unsere Mägen (brotupisch gut). Und der arme Bus muss all diese Überfüllungen futtern.

Der Autor steigt in den Bus. Irgendwo sitzt er, starrt autorenkonform aus dem Fenster. Regentropfen fließen vor der fontanischen Landschaft durch sein Blickfeld.
Er beschließt, die Zeitform zu ändern. Meint, all das sei doch jetzt Geschichte. Aber die Regentropfen fließen weiterhin durch sein Blickfeld. Alles ist zu präsent, zu frisch, zu gegenwärtig. Zu verlockend, doch noch ein wenig mit allen zu verweilen.

Er schließt die Augen und versucht, Kraft zu sammeln. Kraft für das letzte Konzert. Sein Kopf lehnt am Fenster, durch welches seine Gedanken weit hinaus in die Landschaft fliegen. Fliegen zurück nach Bad Segeberg.
Hell wird es auf den Lidern des Zurücksinnenden. Strahlend blickt die Sonne durch die Wolken hindurch in den Bus hinein. Durch seine geschlossenen Augen hindurch in die Seele hinein. Die Gedanken des Autors erleuchten. Erinnerungen an seelenerfülltes Singen, tiefe Gespräche, interessante Menschen. Wildes Tanzen. Glückliches Publikum. Spaß. Lachen. Ja, kindliches, albernes Lachen. Ein Gefühl von Freiheit und Geborgenheit.

Nach einer ruhigen Fahrt kommt der Chor in Erfurt an. Der gesamte Businhalt bewegt sich mühsam in Richtung Thomaskirche. Eine Wegstrecke, bei der sich der Autor nicht entscheiden kann, mit welchem Adjektiv er dessen Länge beschreiben will. Schaffbar, das zeigt dann die Realität. Auf dem Weg schaut er sich um, blickt die Schillerstraße hinab in Richtung Bahnhof. Ein bekanntes und befremdliches Terrain. Er hält inne. Dann schweift sein Blick zurück zum Chor, der letzttagesaufgeregt-busfahrmüde zum Einsingen geht.

Um die geölten Stimmen weiter zu fetten gibt es für alle Pizza, die der Chor im Pfarrgarten der Thomasgemeinde gemeinschaftlich verspeist. Nicht gefettet werden soll jedoch die Chorkleidung, die nach dem Essen schnell angezogen wird. Wenig später hat der Chor eine meisterhaft schnelle Stellprobe absolviert, so wie an jedem Konzerttag der Tournee. Schelmisch lächelnd denkt der Autor über diesen Satz nach.

Zweck der bereits bekleideten Stellprobe war das darauf folgende Blockieren sämtlicher Rasen- und angrenzenden Schotterflächen im Thomaspark. Radfahrende wurden kreativ. Der Chor versucht, sich deren Manöver als Anlass für ein freundliches Kameralächeln zu nehmen. Nach dem Fotoshooting bleibt noch ein wenig Zeit, sich alle Noten zu pflücken und in die Kirche zu begeben.

Und schon erklingt das erste Lied unseres letzten Konzerts. Wir suchen in jedem Lied die Gefühle, die wir auf dieser Tournee beim Singen erleben konnten. Die Freude, stimmlich mal so richtig auszurasten. Alles geben. Unsere Emotionen strömen in die Kirche und nehmen sie mit in unsere chorische Welt. Die Welt, die für zwei Wochen unser Leben war.

Das Publikum war zwar deutlich elter, als der Chor es in den letzten Wochen erlebt hatte. Dennoch oder besonders groß war die Freude über deren Kommen und überschwänglichen Applaus.

Den Mond summend verließ der Chor die Kirche. Der Autor steht im Publikum und summt leise die Altstimme mit. Keiner hörte ihn. Zu laut jubelte das Publikum, oder vielleicht ist er auch einfach nicht so präsent wie er dachte. Er sieht, wie der Chor über den Rasen zum Pfarrgarten lief. Mit Abstand läuft er ihnen hinterher. Einige Sänger umarmten sich, weinend vom trauernden Glück einer so erfolgreich abgeschlossenen Tournee. Im Saal zogen sich die Sänger hektisch und ineffizient um. Das gelungene Konzert und der nahende Abschied mischten sich immer wieder in ihre Gedanken.

Der nächste Gedanke galt dem Danke. Im Kreise vereint bejubelte die gesamte Gruppe alle die, die diese zwei Wochen getragen haben. Die, die teils schon seit Jahren Konzerte vorplanten. Die, die alles außer die Konzerte vorplanten. Die, die dirigierte und auch sonst irgendwie immer alles machen muss, da sie sich noch immer keine wechselnde Ganzkörperverkleidung für ungestörte Freizeit besorgt hat. Dem Dance Captain. Den Musikern und Möchtegern-Kabarettisten. Dem Schatzmeister. Dem MEIN-SCHATZ-Meister für einen üblichen Jugendlichen. Der Chor bedankte sich vor allen bei allen und vor allem auch bei denen, die einfach immer gemacht haben, was nötig war. Die Kümmerer und die medizinisch oder pädagogisch Bewanderten. Die Organisierenden, die Dokumentierenden, die Kleinbusfahrer…

Der Autor beobachtet den herzlichen Kreis von einem der Tische im Pfarrgarten, mit einem Stück überflüssiger, aber leider schon etwas harter Pizza in der Hand. Er begutachtet intensiv das Essen in seiner Hand, ihm ängstigt, er könne wieder ins Präsens rutschen.

Er sieht, wie sich das WIR auflöste. Beschämt beobachtet er einige sehr emotionale Verabschiedungszeremonien und nimmt sich schnell noch ein Stück Pizza. Irgendwann sitzt der Autor alleine im Pfarrgarten und schaut den vergangenen zwei Wochen zu.

So ein Präsens war schon nicht verkehrt. Erschöpft schläft er unter dem Birnenbaum ein und träumt vom Futur.

Ein Chorkleid im Rosenstrauch

Hamburg, Hafestadt, Stadt des Fischbrötchens und der Geburtsort des Dialektes von Käpt’n Blaubär. Doch uns zog es in ein Meer aus Blumen im Herzen der Hafenstadt.

Gegen Mittag saßen wir, elgant in rot und blau, in unserem Bus nach Hamburg und tuckerten die stürmische A1 entlang. Angekommen mussten wir zuerst die Strassen Hamburgs überleben. Wilde Fahrradfahrer an jeder Flanke des Chores, verwirrende Weg-Strukturen und blaue Ampeln über unseren Köpfen. Doch wir folgten unserem Leuchtturm (Herr Philippi) und kamen wohlbehalten am rosigen Hafen an: Planten un Blomen.

Wir gaben zwei Konzerte, eins konfuser als das andere. Vier fliegende Hände am Klavier, eine Konzert-Muschel im Stil des Brutalismus, versteckte Brause und Wasser im Keller. Doch der Chor sang unbeirrt weiter, wie eine Sirene im Sturm. Die Gefahr versiegte jedoch nicht, man blickte sich in der Gruppe um und in jeder dritten Kinderhand ein Eis am Stiel und das in Chorkleidung. Ein Nervenkitzel nicht nur musikalischer Art.

Blitzeblank, hoffentlich, verließen wir im Bus Hamburg schon wieder und das Chor-UNO beheerschte die untere Etage. Grüne Neunen gleiteten durch die Lüfte und hinterher gleich die Hände der spielenden Menschen. Ein wahrer Kampf der Töne und Hände.

Doch wurde er zum Abendessen wieder beigelegt. Bohnen und Brot haben schon die streitigsten Konflikte zum Stillstand gebracht. Am Ende des Tages erfüllten Spaß, Tanz, Basteleien und intensive Werwolf-Runden Bad Segeberg.

Vom palindromischen Knochenkauer

Suche nach Ruhe, aber durch das Gleichgewicht, nicht durch den Stillstand deiner Tätigkeit. – Friedrich über Ruhe

Es war ein Geier, der hackte in meine Füße. Stiefel und Strümpfe hatte er schon aufgerissen, nun hackte er schon in die Füße selbst. – Franz über ossivore Lebewesen

O Täler weit, o Höhen, o schöner, grüner Wald, du meiner Lust und Wehen andächt’ger Aufenthalt!

Ausgesprochen andächtig hält sich nun schon seit über hundert Jahren ein palindromischer Knochenkauer im Sachsenwald auf. Dort hat er 1898 in idyllischer Natur seinem etymologischen Naturell trotzend in das dort üppige Gras statt ins Mark gebissen. Übrig geblieben sind vermutlich Knochen. Nachgeschaut hat wohl keiner, auch wir durften nicht. Unsere Vermutung: Skelett mit Schnurrbart.

Auf Friedrich Schiller jedoch wollte Otto von Bismarck nicht hören, denn in Friedrichsruh ruht Otto durch (Lungen-)Stillstand. Zu Lebzeiten war dies wohl anders, wie uns die dortige Gedenkstätte zum ersten Reichskanzler eindrücklich zeigte. Neben seinem Mausoleum konnte man dort von historischen Karten bis zu alten Briefen (die Schrift!) all das sehen, was die Autorin dieses Textes eben so interessiert. Am Rande soll der freundliche Vortragende auch politische und gesellschaftliche Hintergründe beleuchtet haben…

Und den fröhlichen Chor, der auf den Ästen sich wiegt – Schiller über die Wanderung der Chorakademie Erfurt von Friedrichsruh nach Aumühle

Nach diesem Spaziergang holten wir unsere Chorkleidung aus dem in Aumühle apparierten fahrenden Ritter und bereiteten uns im dortigen Augustinum auf unser Konzert vor.

Drum lad ich all mein Lebetage nie alte Männer / Weibsen auf mein Wage – wir in einer Seniorenresidenz zu den dortigen – …

Doch das schien niemand persönlich zu nehmen, denn alle dort Residierenden waren sichtlich begeistert von unserem Programm. Es wurde fröhlich mitgesungen, unseren Geburtstagskindern herzlich gratuliert und alle wirkten sehr berührt von unserem Konzert.

Je weniger die Leute davon wissen, wie Würste und Gesetze gemacht werden, desto besser schlafen sie. – Vielleicht Otto von Bismarck

Na dann hören wir mal auf, über Vegetarismus und Politik nachzudenken und machen die Kammer zu.

Vom Anfangen

Am Anfang… Ja, da muss man erstmal anfangen. Und wie fängt man so einen Text an? Ich könnte natürlich einen Anfang klauen. „Nennt mich Ishmael?“ Im Tourneechor gibt es keinen Ishmael. „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen?“ Wer’s glaubt. „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ Nun, Gregors, beziehungsweise Georgs, haben wir drei Stück von mit, aber weder ich noch meine Co-Georgs schienen insektoider Natur. Und unruhig träumte ich auch nicht. 
Ich früchte, diese Idee bleibt fürchtelos – Verzeihung, andersrum.

Der Autor des heutigen Tags jedenfalls entschied sich für einen klassischen Anfang: ein Frühstück. Altbewährt, aber auch altbacken. Nach einem geschwinden Einnehmen der Bussitzplätze ging es ab nach Ellerhoop, vorbei an Feldern, den daraufstehenden Pferden und die gelegentlich um sie herum befindlichen Ställe.
Vom Anfang zur Ankunft im Arboretum: nach einiger Verwirrung, ob wir jetzt angekommen waren oder nicht, begannen wir nach dem Ausräumen des Busses mit unserer Schlendertour durch das Arboretum in Ellerhoop. Der Name Arboretum kommt übrigens vom lateinischen Wort arbor, was „Baum“ bedeutet. Der Etymologie antithetisch gab es dort jedoch nicht nur Bäume vielerlei Art, wie Bitterorangen, Zypressen und Magnolien, sondern auch eine Vielfalt an Sträuchern und farbenfrohen Blumen. Sogar einen kleinen Teich mit einer Art Stegterasse und wunderschönen Lotusblumen, von denen ein Großteil leider noch nicht blühte.

Ein sehr ansprechender, bereichernder Verschnaufer vor dem Anfang der Stellprobe. Die sah für unsere Chorsingenden das Aufstellen unter einem Zelt vor, denn es war das erste vollständige Open Air-Konzert der Tournee. 60 Stühle und ungefähr 6 Bänke später war auch sitzgelegenheitsmäßig alles rausgeputzt für das Konzert, nur nicht… wir. Also ab zum Umziehen! Und da wurde wild gesucht. Von Gürteln bis zu Kleidersäcken schien alles abhanden kommen zu können und tat das auch. Irgendwie ließ sich dann aber doch alles finden und wir konnten unsere Plätze einnehmen. Kinder- und Mädchenchor auf, neben und vor der Bühne für „¡Cantar!“, Jugendchor auf den erwähnten Bänken.

Plötzlich fing es an leicht zu regnen, was unseren auf den Bänken sitzenden Singbegeisterten leichte Sorge bereitete. Aber es blieb bei einem leichten Nieseln. Ein durch das Team des Arboretums freundlicherweise aufgestellter Schirm hielt dies vollends von unserer Dirigentin fern. Und auch die beunruhigenden, donnerähnlichen Geräusche stellten sich lediglich als Mikrofonrauschen heraus, sodass das Konzert ohne größere Probleme verlaufen konnte.

Danach: ein- und anpacken, ab zum Bus und zurück zur VJKA JugendAkademie Bad Segeberg. Und hier sind wir nun. Was der Abend noch bringen wird, weiß ich nicht. Was ich weiß, ist, dass meine Noten noch irgendwo sind, aber nicht, wo genau. Ich weiß, dass wir rechtzeitig zum Abendessen ankommen und nach der Einnahme von diesem tanzen werden. Aber ich weiß immer noch nicht, wie man so einen Text

anfängt.

Am Strand auf Fehmarn

Beginnen wir unseren Tag heute nach dem obligatorischen Wecken, frühstücken und in den Bus steigen. Pünktlich um 9:15 rollt der Bus Richtung Fehmarn und das ist auch wichtig, sonst passt heute unser Zeitplan nicht. Auf Grund unseres späten Konzerts müssen wir darauf achten, dass wir rechtzeitig wieder in Bad Segeberg sind, bevor sich unser Bus über Nacht ausruhen muss.

Erster Punkt im Programm ist die Besichtigung von Fehmarn, einer gemütlichen kleinen Ostseestadt und daran anschließend ein Besuch im Infocenter zum Fehmarnbelt-Tunnel. Hier lernen wir zum Beispiel wie gut die Deutsch-Dänische Zusammenarbeit beim Tunnelbau funktioniert, die unterschiedliche Lebenseinstellung in Dänemark und Deutschland und wie auf der Baustelle mit Naturschutz umgegangen wird.

Das erledigt ging es endlich an den lang ersehnten Ostseestrand. Wichtig! Nur planschen ist erlaubt. Schwimmen war der Jugendchor ja letzte Woche schon. Im Wasser wurden wir von Quallen begleitet. Am Strand wurde Volleyball und Karten gespielt oder einfach der Sand und die Sonne genossen.

Um die Stimmen nach dem langen Sonnenbad noch auf Betriebstemperaturen zu bringen gab es vor und nach der Stellprobe noch die Gelegenheit im Schatten der Kirche Ruhe zu halten. Die Stimmen wieder flüssig ging es daran die Mitte der Kirche zu finden, was in St. Johannis nicht so einfach war, weil Altarraum, Bestuhlung und Architektur des Mittelschiffs nicht zusammenpassende Orientierungsmöglichkeiten boten. Nichtsdestotrotz war das Konzert ein voller Erfolg mit tollem Klang und gutem Publikum.

Von fehlender Statistik und der Suche nach Fibonacci

Duftendes Brot lockte uns am heutigen Morgen zurück in die Stadt, die wir erst am Vorabend verlassen hatten. Lübecks beste Bäckerei erwartete uns auf dem Brink, dem heimischen Marktplatz der „Brotupie“. Hier sollten wir zwischen Zucchini, guten Fegern, feinen Bürsten, Johannisbeeren und genanntem Brot ein Kurzkonzert geben. Zweck des Ganzen war natürlich Werbung. Unsere These war, unser übliches Konzertpublikum wiche stochastisch gesehen nicht signifikant von der üblichen Wochenmarktzielgruppe ab.

Diese Vermutung würden wir erst am abendlichen Konzert weiter untersuchen können. Spaß hatten wir allerdings daran, im regen Markttreiben so nah am freundlichen Publikum zu musizieren. Vor allem aber lohnte sich unser Singen, da uns die Brotupie dafür mit blecheweise Zimtschnecken verwöhnte. Ofenfrisch und mit einer Scheibe Eis gefüllt verführten uns die süßen Kringel (also, Spiralen?) gänzlich in die Brotupie. Ein Narr, wer danach nicht ganze Brotlaibe aus dem zum Marktstand umgebauten Pferdewagen in seinen Tagesrucksack stopfte.

Magen und Rucksack nun etwas gefüllter, machten wir uns auf den Weg zur Marienkirche. Einige bodenständige Chormenschen ließen sich durch das Kirchenschiff führen und lernten eben so das Übliche zu einer Kirche, die in der Vergangenheit erbaut wurde.

Die Mauersegler und Turmfalken unseres Chores jedoch ließen sich nicht davon abhalten, die Türme und Gewölbe der mittelalterlichen Backsteinkirche zu erkunden: Glocken, Steine, Gewölbe und die Aussicht über eine rote Stadt. Das Schöne daran: Die Statik von Gewölben ergibt weitaus regelmäßigere Muster als Gebäck.

Danach mussten wir schnell die hunderten Stufen hinunter trappeln, denn unten wartete die Stellprobe. Und Stellproben gehören bekanntlich zu einer ungeduldigen Spezies. Zum Glück war das heutige Indiviuum allerdings nicht so tempivor (lat.: zeitfressend).

Kurze Pause, Umziehen – und schon sangen wir das nächste Konzert. Die Kirche war gut gefüllt mit gerührten potenziellen Wochenmarktkunden. Doch sehr zum Leid der anwesenden Statistikfanatiker wurde unsere morgendliche Vermutung aber nicht weiter analysiert. Wie groß die Schnittmenge der beiden Mengen „Wochenmarktkunden“ und „Kinderchorkonzertbesucher“ nun also wirklich ist, bleibt uns verborgen hinter nicht-fibonaccischen Zimtschnecken…

Zu besuch bei Eulenspiegel in Mölln

Geweckt, gefrühstückt und und mit Noten bestückt, wird am frühen morgen die Gelegenheit genutzt, in einer Probe Aufstellungen zu üben und Details aus dem ersten Konzert zu koordinieren.

Also nun geweckt, gefrühstückt und geprobt geht es los mit den Bussen nach Mölln. Zum einen um dort die Stadt und das darin enthaltene Eulenspiegel Museum zu besichtigen, zum anderen um in dem nahegelegenen Augustinum unser zweites Tourneekonzert zu bestreiten.

Die Besonderheit dieses Augustinus (wir haben in den letzten Jahren auf Tournee schon in dem einen oder anderen Augustinum gesungen) ist, dass es auf einem Berg gelegen hunderte Meter entfernt von dem dazugehörigen Parkplatz liegt. Da allerdings auch bewegungseingeschränkte Menschen in der Lage seien sollen sich der Einrichtung zu nähern, bietet diese die Möglichkeit mit einem sich diagonal bewegenden Aufzug hinauf zu fahren.

Geweckt, gefrühstückt, geprobt , busgefahren, stadtbesichtigt, mit Lunchpaket versorgt, über Till Eulenspiegel informiert und spaziert, geht es gleich weiter mit der Stellprobe.

Alle auf die Bühne, aber erstmal nur der Kinderchor. Und jetzt mit dem Mädchenchor. Kommt mal bitte alle weiter vor. Rechts mehr zusammen rutschen und bitte selbständig Lücken ausgleichen. Wenn ihr den Mond singt, beginnt ihr bitte von der Bühne abzugehen und verlasst dann den Saal. Geht bitte etwas essen und dann treffen wir uns umgezogen in einer Stunde zum Konzert vor dem Saal.

Das in der Zwischenzeit vom Chef des Lunchpaketteams aufgebaute Buffet bestehend aus Nudelsalat und sehr leckeren gefüllten Gebäck Teilchen, wird innerhalb kürzester Zeit vernichtet.

Jetzt beginnt es, das zweite Konzert unserer Tournee.

Bleibt für heute nur noch der Tagesabschluss, den verschieben wir aber lieber aufgrund der späten Uhrzeit auf morgen früh – „Morgenkreis“.

Ab ins Bett.

Kiel

Oder: Warum wir lieber in der Kirche singen, als im Aquarium zu schwimmen.

Nach zwei Tagen des Stillstands durften unsere beräderten Gefährte(n) nun auch ihren Stellplatz verlassen. Denn mit luftlinearer Entfernung von 43,2 km zu unserem Schlafplatz sangen wir das Eröffnungskonzert unserer Tournee . Dort angekommen schnupperten wir – natürlich rein aus Stimmpflegegründen – zunächst ein bisschen salzige Meeresluft. Wir wanderten an der Kieler Förde vorbei an Wassergefährten unterschiedlichster Bau- und Benennungsgeschmäcker: Gudrun die Dritte und Baldur der Elfte waren unsere Favoriten.

Am Ende des Hafenbereichs erwartete uns das Geomar-Schauaquarium des Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung. Wie es in der Forschung und Tierschau so üblich ist, waren die Lebensräume der dortigen Wasserlebewesen sehr naturnah eingerichtet: Plastikpflanzen, wenig Platz und glotzende Menschen. Und wie es sich für unsere Tierart gehört, glotzten wir mit zahnspangengrinsendem Übermut auf Seesterne und Halfterfische in viel zu kleinen Becken. Dennoch freuten wir uns beim Mittag darüber, dass wir uns kein Fischbrötchen im Aquarium zusammenfischern mussten. Denn wir hatten morgens für Brezeln in unserem Lunchpaket gesorgt.

Nach Fischen und Brezeln verließen wir das Ufer und liefen zu unserem nachmittäglichen Konzertort: die Kirche St. Nicolai in der Kieler Altstadt. Letztere durften wir in kleinen Gruppen selber entdecken. Viel zu sehen gab es dort hoffentlich nicht, denn unsere Aufmerksamkeit fror auf kalten Mangostücken aus dem lokalen Supermarkt fest.

Mit dieser guten Stärkung waren wir bereit für eine lange Stellprobe und ein kurzes Konzert. Dieses war Teil einer Konzertreihe aus 30-minütigen Kulturgenüssen. Das Publikum – die Tierart Mensch beobachtet auch gerne eigene Artgenossen – schien hocherfreut und wir selber waren zufrieden mit einem gelungenen Tourneeauftakt.

Zurück in der Jugendakademie Bad Segeberg gab es warmes Essen – zum Glück kein Fischgericht – und eine kurze abendliche Probe. Je nach Alter und Müdigkeitsstand war der Abend auch noch lang genug für verschieden anstrengende Gesellschaftsaktivitäten…

CODA oder der krönende Abschluss

Geweckt von einem lieblichen finnischen Gesang schälten sich heute morgen alle aus ihren mitlerweile wohl vertrauten Betten. Beim Frühstück genossen wir noch ein letztes Mal den Luxus des großzügigen Frühstücksbuffets der Philippis. Dann hieß es Lunchpakete für den Tag schmieren – und dabei möglichst alle Reste verarbeiten – und ab ging’s zum Morgenkreis, den wir von gestern nachholten. Ebenfalls nachgeholt wurde das Verteilen der zuvor besorgten Glückskekse. Wer es nicht zuvor schon getan hatte, packte seine sieben Sachen, darauf folgten die hunderten Dinge des Chores. Beim Aufräumen der Zimmer im allgemeinen Kofferchaos erschallte Gesang wie ein Echo der fast vergangenen Tournee durch die Flure.

Doch es war noch nicht ganz vorbei… denn im Stephanus-Stift wurden wir für ein letztes Konzert erwartet. Das die Podeste bereits für uns aufgebaut waren, schien bei uns zu allgemeiner Heiterkeit beim Einsingen zu führen. Wir machten uns mit dem Klang des Raumes vertraut, wohlgeordnet in symetrischen Reihen, und sichtbar vom Dirigierpult – abgesehen von einem Tenor. Zudem waren einige Chorsänger wohl, laut Chorleitung, zu klein. Das Konzert war in vielerlei Hinsicht ein besonderes: Zunächst hatten wir es dieses Mal endlich geschafft auch unsere Köche zum Konzert zu locken, zudem war es wohl das erste Konzert unter einem Basketballkorb und mit einem so lebhaften, mitteilungsfreudigen Publikum…

Doch bald machte sich Aufbruchstimmung breit. Die Transportmittel von uns Singenden sowie sämtlichem Gepäck wechselten von S-Bahn, Auto oder Fahrstuhl zu Reisebus. Nun hieß es Abschied nehmen von Christopher, Rico und den Phillippis.
Berlin verabschiedete uns mit Schnee und Kälte. So fuhren wir durch die Nacht nach Hause, in großer Vorfreude auf kommende Chorprojekte.

Fliegen wir Rosinen

Heute waren wir auf dem Flughafen Tempelhof. Ein riesiges Konstrukt voller Geschichte und verstecktem Brutalismus.
Mit einer Führung erkundeten wir die Tiefen und die Höhen das Flughafens, die kleinen, dunklen Luftschutzbunker, bis hin zu einer grandiosen Aussicht auf Berlin.

Räume so lebendig, dass man vermuten könnte das diese erst vor kurzen voller Leben waren. Spuren von einer längst vergangenen Zeit durchzogen die Wände und die Mauern. Lachen, wilde Diskussionen und manchmal vielleicht sogar Tränen vernahm dieser Ort und zog sie wie ein Schwamm in sich auf und trägt diese in die Ewigkeit weiter.

Und natürlich gab es an diesem Tag auch ein Konzert. Auf dem weg dorthin über das Tempelhofer Feld verloren wir leider die 48 und 49. Spandau erkundeten wir und ließen den Ort erklingen und zum Tanzen bewegen. Die Kirche voller Kontraste, gotische Säulen, eine expressionistische Krippe und minimalistische Fenster. Doch wahrlich sind wir keine Maschinen und genossen eine lange Pause und eine grandiose Tribüne, um unseren Geist zur Musik zu öffnen. Es war ein gelungenes Konzert voller Euphorie und Klang.